bke-Elternberatung

bke-Elternberatung anonym
kostenfrei
datensicher
Bundeskonferenz für
Erziehungsberatung e.V.

Wenn Kinder die Elternrolle einnehmen müssen – Interview mit Andrea Hendrich zum Thema Parentifizierung

Parentigizierung - Wenn Kinder die Elternrolle übernehmen

Die Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin Andrea Hendrich hat ein Kinderfachbuch zum Thema Parentifizierung geschrieben. Parentifizierung bedeutet, dass Kinder viel zu früh in die Rolle von Erwachsenen schlüpfen müssen, weil die eigenen Eltern ihre Aufgaben nicht mehr ausführen können.
(Weil Andrea Hendrich eine ehemalige Kollegin der bke-Onlineberatung ist, verwenden wir im Interview das informelle „Du“):

S.H.: Ich halte gerade Dein Buch in der Hand, es heißt „WIR sind die Kinder!“ Es ist ein Kinderfachbuch über vertauschte Eltern-Kind Rollen. Bisher hatte ich noch kein Kinderfachbuch in der Hand. Was genau ist ein Fachbuch für Kinder?

Was genau ist ein Fachbuch für Kinder?

Andrea Hendrich.: Ja das kann ich mir vorstellen, dass es für dich neu ist. Ich kenne diese Bücher auch nur im Rahmen meiner Beratungsarbeit. Warum gibt es Kinderfachbücher? Also, wenn du das Buch durchblättert wirst du sehen, dass es im Grunde aus drei Teilen besteht. Der erste ist eine Geschichte, die ein Elternteil oder ein anderer Erwachsener mit dem Kind lesen kann und diese Geschichte dann als Aufhänger benutzt, um mit dem Kind über dieses Thema ins Gespräch zu kommen. Die Bilder sind sehr gut gelungen, finde ich. Ich das darf ich sagen, weil ich sie nicht selber gemalt habe, sondern meine Illustratorin und Co-Autorin Kati Rode. Danach gibt es einen Fachteil für Jugendliche im Buch. Hier können die Jugendlichen selber anhand eines Fragebogens und einiger kleiner, überschaubarer Tipps gucken, ob das irgendwie für sie zutrifft und was ihnen guttäte. Der dritte Teil ist der Fachteil für Familien und Helfer, hier wird in relativ einfachen Worten beschrieben, worum es geht und was Erwachsene tun können, um die Kinder und Jugendlichen zu unterstützen.

S.H.: Das klingt total spannend. Dein Fachbuch handelt von Parentifizierung. Sicherlich wissen nicht alle Leser und Leserinnen, was genau Parentifizierung bedeutet.

Parentifizierung bedeutet, dass in einer Familie oder in einem Familiensystem Kinder und Jugendliche Elternaufgaben übernehmen.

A.H.: Parentifizierung ist erstmal ein schwieriges Wort, das gebe ich gerne zu, aber es beschreibt sehr gut, worum es geht: Um vertauschte Eltern-Kind Rollen. Parentifizierung bedeutet, dass in einer Familie oder in einem Familiensystem Kinder und Jugendliche Elternaufgaben übernehmen. Elternaufgaben sind die Aufgaben, die eigentlich eindeutig die Eltern haben z.B. emotional oder ganz praktisch. Ich nenne jetzt mal ein Beispiel, damit man sich das vorstellen kann: Es geht nicht darum, dass Kinder kleinere Aufgaben haben, wie die Spülmaschine auszuräumen oder ihr eigenes Zimmer ordentlich zu halten. Sondern es geht wirklich darum, z.B. die Verantwortung für kleinere Geschwister dauerhaft zu übernehmen, oder für einen Elternteil Ersatzpartner zu sein, für die Eltern da zu sein oder vielleicht sogar zwischen den Eltern zu vermitteln. Und das ständig. Gerade dann, wenn es auf Dauer passiert, ist es für Kinder schädlich.

S.H. Wie kommt es dazu, dass Kinder in diese Rollen hineinrutschen?

Wenn sie spüren, dass bestimmte Aufgaben nicht erfüllt werden von den Eltern […], dann rutschen sie sehr schnell in solch eine Aufgabe rein, die ihnen auf Dauer viel zu groß ist

A.H.: Leider kommt es ziemlich schnell dazu, weil zum einen Kinder von Anfang an kooperieren wollen. Von Klein auf wollen Kinder mit den Eltern zusammenarbeiten. Und wenn sie spüren, dass bestimmte Aufgaben nicht erfüllt werden von den Eltern und dann z.B. von außen noch gesagt wird „Passt doch mal auf die Mama auf, wenn ich nicht da bin!“, dann rutschen sie sehr schnell in solch eine Aufgabe rein, die ihnen auf Dauer viel zu groß ist, denn dadurch können sie ihre Kindheit gar nicht mehr gut ausleben.

S.H.: Was macht es dann mit den Kindern, die darunter leiden und wie äußert sich das? Welche Symptome kann man feststellen?

A.H.: Da gibt es ganz unterschiedliche Symptome. Es gibt auch verschiedene Ursachen, die dazu führen können: Also häufig tritt z.B. die Parentifizierung in Scheidungssituationen auf, wenn ein Kind sich z.B. mehr verantwortlich fühlt für den Elternteil, der erstmal alleine ist. Es kann aber auch passieren in Familien, in denen es Lebenskrisen gibt, Gewalt oder psychische Erkrankungen.

Was macht das mit den Kindern?

Was macht das mit den Kindern? Letztlich führt das dazu, dass sie nicht mehr Kinder sein können, die eben einfach mal Quatsch machen. Stattdessen müssen sie sehr schnell erwachsen werden und die Kindheit ist eigentlich beendet. Das führt ganz häufig zu einem Dauergefühl von Ohnmacht, denn Kinder KÖNNEN ihre Eltern nicht glücklich machen. Das wird nie gelingen, denn sie sind nur die Kinder. Und „nur“ meine ich nicht abwertend, dass es wenig ist, sondern dass es ein Schutz für die Kinder sein soll.

Die betroffenen Kinder entwickeln manchmal ein Helfersyndrom. Sie fühlen sich nur wichtig und liebenswert, wenn sie andere unterstützen können. Und sie nehmen sehr oft -und das erlebe ich eben immer wieder in der Beratung- eigene Bedürfnisse nur noch ganz schlecht war. Gedanklich und emotional sind sie eigentlich immer beim anderen und das führt auf Dauer sowohl zu körperlichen als auch zu psychischen Erkrankungen.

Was kann ich jetzt als Außenstehender tun?

S.H.: Was kann ich jetzt als Außenstehender tun, ich gehe mal davon aus, dass ich als Eltern von dem betroffenen Kind das wahrscheinlich gar nicht mitbekomme. Aber wenn ich als Lehrer oder als befreundete Eltern oder Ähnliches, erlebe, dass es dem Kind nicht gut geht, was kann ich in diesem Fall tun?

A.H.: Das ist jetzt natürlich unterschiedlich, je nachdem, in welcher Distanz oder in welcher Beziehung man zu dem jeweiligen Kind steht. Das wichtigste ist im Grunde, dem Kind zu signalisieren: du bist das Kind, wir übernehmen die Aufgaben, die du denkst, erfüllen zu müssen. Du musst nicht für deine Eltern zuständig sein. Der Fluss des Lebens ist eben ein anderer: Die Eltern sind für die Kinder da und wenn die Kinder später erwachsen sind, sind die wieder für die eigenen Kinder da. Also das hieße innerlich und äußerlich immer wieder dem Kind zu vermitteln: Du darfst Kind sein, also z.B. zum Spielen einladen, auch Fehlerfreundlichkeit zugestehen, die schönen Dinge des Lebens sichtbar machen und immer wieder betonen, dass das Erwachsenen Aufgaben sind und Erwachsenendinge, die die Kinder nicht lösen.
Das sind jetzt einfach nur ein paar kleinere Tipps, hilfreich ist auch, auf die Ressourcen vom Kind zu schauen: Was macht dem Kind Spaß. Wichtig ist, dass letztlich von den Eltern der Impuls kommen muss, auch noch mal in Richtung Kinder, dass die Eltern wieder die Verantwortung für ihre Aufgaben übernehmen.

Für welche Zielgruppe ist das Buch?

S.H.: Für welche Zielgruppe ist Dein Buch gedacht, also ab welchem Alter kann man dieses Buch mit dem Kind zusammen lesen oder dem Kind alleine in die Hand geben?

A.H.: Letztlich haben wir gesagt: ab acht. Die Geschichte ist einfach erzählt, mit vielen Bildern und wenig Text. Ab acht Jahren würde es Sinn machen. Ich habe das Buch aus der Praxis heraus geschrieben, weil ich eine Achtjährige in der Beratung hatte, die in einer Trennungssituation war und sich sehr verantwortlich für den Vater gefühlt hat. Und so habe ich dieses Buch verfasst, weil kein anderes zu diesem Thema auf dem Markt war.

S.H.: Gibt es noch irgendwas, dass du zum Buch oder zu dem Thema noch mitteilen möchtest?

Ich würde mir im Grunde wünschen, dass jede Erziehungsberatungsstelle dieses Buch in der Bibliothek stehen hat, weil man es auch gut nutzen kann […], um mit den Kindern und mit den Eltern ins Gespräch zu kommen

A.H.: Ja, ich finde dieses Buch gelungen. Nicht, weil ich es geschrieben habe, sondern weil es uns gelungen ist, die wichtigsten Aspekte zu diesem Thema einzufangen.
Ich würde mir im Grunde wünschen, dass jede Erziehungsberatungsstelle dieses Buch in der Bibliothek stehen hat, weil man es auch gut nutzen kann z.B. für eine Gruppe und für die Familienberatung, um mit den Kindern und mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Das wäre mein, unser Wunsch für dieses Buch.

Wir sind die Kinder, Andrea Hendrich, Mabuse Verlag

WIR sind die Kinder!
Ein Kinderfachbuch über vertauschte Eltern-Kind-Rollen

Andrea Hendrich
Illustrationen: Kati Rode
Mabuse Verlag
ISBN: 9783863216122

Über die Autorin: „Ich bin Andrea Hendrich, Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin. Ich habe viele Jahre in Erziehungsberatungsstellen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet. Unter anderem auch in der bke-Onlineberatung. Im Moment unterrichte ich angehende Erzieherinnen an einer Fachakademie. Ich bin ein bisschen über fünfzig, habe zwei Töchter mit fünfzehn und achtzehn und wohne in der Nähe vom Starnberger See.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

BKE