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Trotzanfall: Wie reagiere ich richtig?

Wie überlebe ich die Trotzphase
Trotzanfall: Wie reagiere ich richtig?

Der fast dreijährige Paul stampft mit dem Bein auf den Boden: „Ich will aber das Auto haben!“ Die Mutter versucht, den Jungen von dem Regal wegzuziehen, doch das ist nicht so einfach! Paul ist mittlerweile richtig doll wütend und er brüllt so laut, dass seine Mutter die Blicke der Menschen förmlich spürt. Diese Situation erlebt sie mit ihrem Kind häufig und insbesondere in der Öffentlichkeit macht es ihr zu schaffen. Wenn sie konsequent bleibt und den Jungen brüllen lässt, dann sind ihr die vorwurfsvollen Blicke der Mitmenschen sicher. Oder soll sie wie so oft einfach nachgeben, doch dann ist ebenfalls nur für kurze Zeit Ruhe vor dem nächsten großen Sturm…

Was bedeutet Trotzphase eigentlich und wie gehe ich als Eltern damit um?

Das Ich eines Kindes erwacht und es wälzt sich plötzlich brüllend auf dem Boden? Nun beginnt die Trotzphase. Doch wie reagieren Eltern jetzt am besten? Wie halten wir den Trotzanfall aus? Welche Unterstützung braucht das Kind jetzt?
Die so genannte Trotzphase ist ein Meilenstein in der kindlichen Entwicklung. Sie beginnt gegen Ende des zweiten Lebensjahres und dauert etwa bis zum vierten oder fünften Geburtstag.

Ablösung und Entdeckung der Selbständigkeit

Es geht um Ablösung und das Selbstständigwerden des Kindes. Es versucht sich aus der Verschmelzung, besonders mit der Mutter bzw. der Hauptbezugsperson zu lösen. Es geht nur bei oberflächlicher Betrachtung um Trotz und Widerstand.
Kleinkinder entdecken, dass sie durch ihre Aktivität die Umgebung verändern können. Sie probieren alles selbstverständlich und neugierig aus. Sie fangen an, selbstständig zu denken, zu fühlen und zu handeln. Sie wollen das Land jenseits des Horizonts erkunden, wollen sich erproben und Kompetenzen erweitern.

Was passiert bei einem Trotzanfall?

Der eigene Wille des Kindes erwacht – dieser zeigt sich in Form von Trotzreaktionen und Gehorsamsverweigerung. Dabei wendet sich das Kind aber nicht in erster Linie gegen die Mutter, den Vater oder die ErzieherIn. Es leidet vielmehr unter seiner eigenen Unzulänglichkeit. Es möchte die Welt erobern und seine eigenen Wege gehen. Dabei stößt es unweigerlich an Grenzen. Es kann beispielsweise etwas noch nicht. Es besteht eine große Spannung zwischen Entdeckungsdrang- und dem tiefem Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit.

Das Kind stößt an unsichtbare Grenzen

Immer wieder stößt es an körperliche, emotionale und sprachliche Grenzen.
In diesem Alter ist es noch unverständlich, dass sie etwas nicht haben dürfen, weil es jemand anderem gehört. Der Wortschatz, die Geduld und die Kraft reichen noch nicht aus, wenn es darauf ankommt. Gleichzeitig „funktionieren“ auch die geliebten Eltern/ Erziehenden plötzlich nicht mehr so, wie es sich das vorstellt. Sie verbieten ihm etwas oder bestrafen es – kurz, sie setzen Grenzen. Und das führt bei Ihrem Kind zu einer Art Panikreaktion, dem Trotzanfall.

Kontrollverlust löst Unsicherheit aus

Das Kleinkind ist dann nicht mehr in der Lage, die Situation zu überblicken. Es ist verzweifelt und kann dem Chaos seiner Gefühle nicht mehr Herr werden. Die Reaktionen sind völlig natürlich, ein Kleinkind hat keine anderen Möglichkeiten, seine Emotionen zu regulieren. Es kann das Gefühl weder unterdrücken, noch kanalisieren und es ist ihm völlig egal, was Außenstehende dazu sagen. So steigert es sich in einen Gefühlsrausch, durch den kaum etwas zu ihm vordringen kann.

Wie kann ich als Eltern gelassen Trotzphasen überstehen?

Um gelassener in Sachen Trotzanfälle zu werden, ist es wichtig, zu wissen, dass ein Trotzanfall zur Entwicklung eines Kindes gehört. Die Trotzphase ist ein äußerst wichtiger Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes und jeder Mensch durchläuft diese Autonomiephase.

Aufmerksamkeit und Zuwendung statt Strafe

Da wir jetzt um das Gefühlschaos und die Verzweiflung des Kindes im Trotzanfall wissen, wird es uns leichter fallen, ihm gerade in dieser Phase besonders viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken. In einer Entwicklungsphase, in der es ohnehin Probleme mit der Anpassung an die Welt hat, sind zusätzliche Einschränkungen und Strafen das Letzte, was ein Kind verkraften kann.

Eltern dürfen ihre eigenen Gefühle zeigen

Natürlich ist es absolut verständlich, dass sie als Eltern selbst häufig aufgebracht und verärgert über das Verhalten des Kindes sind. In diesen Situationen fällt es schwerer, dem Kind die erforderliche Zuneigung und Geduld entgegenzubringen.
Eltern und Erziehende dürfen auch mal böse oder wütend erlebt werden, wenn es z.B. um die Durchsetzung von Grenzen geht. Das ist für das Kind wesentlich leichter zu ertragen und auszuhalten, als Abwendung, Drohung oder versteckte Abwertung. Ärger und Enttäuschungsreaktionen sind erlaubt. D.h. indem wir selbst, so wie das Kind, unsere Gefühle ausdrücken, lernt es sie nicht nur kennen, sondern es lernt mit unserer Hilfe und Unterstützung zunehmend einen konstruktiven Umgang damit.

Übersteht die Eltern-Kind-Beziehung die Trotzphase?

In der Regel können wir darauf vertrauen, dass die Beziehung zu einem Kind diese Konflikte aushalten wird. Eltern wollen einzigartige, selbstbewusste Kinder, sind stolz auf deren Eigenständigkeit, das ausgeprägte Selbstbewusstsein.
Um einen eigenen Stil, einen eigenen Rhythmus und unverwechselbare Individualität auszubilden, bedarf es körperlicher und geistiger Autonomie. So grenzen sich Kinder von ihren Eltern ab, lehnen sich auf.
Je mehr das Kind trotzt, desto sicherer fühlt es sich
Kinder rebellieren nur gegen Menschen, bei denen sie sich sicher fühlen. Also bei uns stimmt die Eltern-Kind-Bindung oder auch die Bindung an eine Erzieherin.
Ein Kind will uns mit seiner Trotzphase nicht ärgern! Es ist nur enttäuscht und sauer, dass nicht alles so klappt, wie es sich das in den Kopf gesetzt hat. Die Phase ist sowohl für Eltern/Erzieher als auch für Kinder sehr anstrengend aber auch wichtig, denn in dieser Zeit lernt das Kind, seinen Willen zu steuern.

Trotz ist eine „Unabhängigkeitserklärung“ der Kinder, ein wichtiger Akt der Selbstwerdung und keine Verschwörung gegen die Regierung der Eltern.

Selma Fraiberg, Kinderpsychoanalytikerin, Autorin und Sozialarbeiterin

Jedes Kind verhält sich in der Trotzphase anders
Die Dauer und Ausprägung der Trotzphase ist von vielen Faktoren abhängig. Zum einen von den kindlichen Eigenarten und den häuslichen Erziehungsstilen. Zum anderen kommt es auch ein bisschen darauf an, in welcher Art und Weise die elterliche Begleitung stattfindet und welche Informationen Eltern über die Autonomiephase im Kleinkindalter haben.
Dabei schließt Verständnis für ein trotzendes Kind nicht aus, maßloses und unangemessenes Verhalten mit Klarheit und Bestimmtheit zu begegnen.

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